Das Datum

 

So, nun ist Dienstschluss für heute und er muss das Bürogebäude verlassen.

Der Hausmeister wollte schon etwas sagen, aber Hermann hatte auch so begriffen, dass er diesen Arbeitstag nicht mehr länger ausdehnen kann.

Die Putzfrauen sind schon fertig mit der Reinigung der Büroräume, und er hat eigentlich da nur noch gestört. Er wollte noch nicht nach Hause gehen, an diesem Tag. Das Datum machte ihn immer wieder depressiv.

Hermann ist unter keinem guten Stern geboren. Schon als Kind wurde er abgelehnt, und als seine Mutter diesen Mann heiratete, war es noch schlimmer geworden. Sein neuer Vater, das heißt, eigentlich hatte er vorher gar keinen Vater gehabt. Sein Erzeuger hat seine Mutter sitzen gelassen, als er erfuhr, dass er Vater werden würde. Und seine Mutter hatte sich höchst ungern mit dem ungewollten Kind befasst. Er war eigentlich in seinem ganzen Leben ungeliebt geblieben.

Als also sein neuer Vater mit seinen beiden Töchtern zu ihnen zog, war er nur noch lästig. Er zog sich immer mehr in seine Fantasiewelt zurück.

Hermann war still und schüchtern, ein Weichei, wie seine Mitschüler sagten.

Sie hänselten ihn, und ließen es ihn spüren, dass er ein Außenseiter war. Nicht wert, dass man sich mit ihm befasste.

 Nun, gerade mal vierzig, war er einsam und das Einzige, was seinen Alltag aus der Eintönigkeit riss, war seine Arbeit, die im Grunde auch nichts anderes als eintönig war, - Buchhaltung, tagein tagaus nur Zahlen.

Intelligent war er ja, - ein Streber in der Schule schon, was auch nicht zu mehr Beliebtheit bei seinen Mitschülern führte.

Jetzt also machte er sich auf den Heimweg mit seinem Fahrrad. Es war nicht so weit, etwa zehn Minuten, bis zu dem Hochhaus in dem er wohnte. Acht Etagen hatte das Gebäude und er bewohnte eine zwei Zimmer Wohnung im vierten Stock. Das Gebäude war schon etwas älter, und dem Hauseingang, in dem sich der Lift und die Briefkästen befanden, sah man schon die Jahre an. Der Putz bröckelte an manchen Stellen von den Wänden.

Er schloss die Haustür auf, und entnahm dem Briefkasten seine Post.

Genau wie er es schon vorher wusste, gab es da außer von einem Versandhaus und dem Stromanbieter, Reklamen und Kreditangeboten einer Bank abgesehen, niemanden, der ihm geschrieben hatte. Er zerriss alles, und warf es direkt in den Papiermüll. Nur seine Zeitung nahm er mit nach oben.

Auf seiner Etage, in der Nachbarwohnung wurde fröhlich gesungen: Happy Birthday .... Anscheinend hatte seine Nachbarin Geburtstag. Sie feierte mit vielen Gästen, und das brachte Hermann nicht gerade in eine bessere Stimmung.

Er nahm sich eine Flasche Rotwein mit ins Wohnzimmer. Er musste sich betäuben, nur diesen einen schrecklichen Tag überstehen und dieses Datum vergessen. Er würde die Flasche leeren und wenn sie nicht reichte, noch eine weitere trinken. Nur heute, er war keiner der Alkohol trank. Nur dieses Datum, - verflucht, die Tränen stiegen ihm in die Augen, jedes Jahr das gleiche Dilemma.

Hermann hatte sich gerade hingesetzt, als es an seiner Tür klingelte.

Wer soll das schon sein, außer einem Vertreter, dachte er. Na egal, Hauptsache ein Mensch, der zu ihm wollte. Er ging zur Tür und als er geöffnet hatte, stand da ein kleines Mädchen mit braunen Locken. Es lächelte ihn an und sagte: „Hallo, ich bin die Nichte von Ihrer Nachbarin. Wir feiern heute Geburtstag und meine Tante sagt, ich soll ihnen ihre Brieftasche geben. Sie hat unten auf dem Postkasten gelegen. Wir haben hineingeschaut, wem sie gehört, und staunend gesehen, dass ja heute auch ihr Geburtstag ist. Ich darf nicht wieder hinüber gehen, wenn sie nicht mitkommen. Also kommen sie und feiern sie mit uns. Das Mädchen fasste ihn bei der Hand. Nach und nach war der Flur vor seiner Wohnung voller Menschen und es wurde gesungen:

Happy Birthday to you... und es traten ihm schon wieder die Tränen in die Augen,

aber diesmal waren es Freudentränen.-

Sein erster richtiger Geburtstag, an dem nicht nur die Versandhäuser gratulierten.


 

 

Paradies 2050

 

„Also ich weiß nicht was Du willst, Alfa. Meinst Du mir gefällt es, wenn du unzufrieden bist?“ Besorgt betrachtet Thekla ihre Tochter. Eigentlich kann ich meine Kleine ja ein Stück weit verstehen. Sie ist gerade erst zwanzig geworden und möchte ihre Jugend genießen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mich fühlte, als ich in ihrem Alter war. Ich war so verliebt und total ausgeflippt. Manche Nacht haben wir durch gefeiert, mein Emanuel und ich. Wie oft hat Mutter geschimpft, wenn sie mich morgens im Hausfur mit den Schuhen in der Hand erwischte. Warum sollte es bei ihr anders sein? Man ist nur einmal jung. Sie ist so ein hübsches Mädel mit ihren rotbraunen langen Locken. Der trotzige Blick aus ihren grünen Augen zeigt mir, dass es wieder einmal nicht leicht sein wird sie zu beruhigen. „Mama hallo, hörst du mir nicht zu?“

  Alfas Stimme reißt sie aus ihren Gedanken. „Hm - ja, doch!“ „Gerade sagte ich, dass es doch verständlich ist, dass ich selbst entscheiden möchte wie lange ich ausgehe. In unserem Leben ist alles bis aufs Kleinste organisiert. Oma hat mir erzählt dass...“ „Oh nein, Oma schon wieder!“ unterbricht sie ihre Mutter. Hat sie dir wieder von früher erzählt, wie schön alles war? Das sagen alle Alten. Nur in der Vergangenheit zu leben, kann doch nicht das Glück sein. Sie sollte lieber in der Gegenwart zurechtkommen. Mit ihrer Zukunft ist es ja nicht mehr gar so weit her.“ „Mama, manchmal kannst Du richtig hart sein. Sie ist doch deine Mutter!“

  „Ja, es tut mir leid, aber Omas Generation ist doch Schuld daran, dass uns unsere Energie nicht mehr grenzenlos zur Verfügung steht. Wir müssen nun zusehen, dass wir sparsam damit umgehen, nachdem unsere Ressourcen leichtsinnig verprasst wurden, ohne an die Zukunft zu denken. Damals lief der Fernseher rund um die Uhr und die Nächte wurden durchgemacht bei künstlichem Licht. Jeder Haushalt besaß ein oder zwei Fahrzeuge und einen eigenen Internetanschluss- Jeder kochte seine Mahlzeit auf dem eigenen Herd.- So ein Wahnsinn!    

  Heutzutage ist alles geregelt, und das ist das Beste, was uns nach diesem verdammten Störfall 2029 passieren konnte. Gott sei Dank sind wir noch mit einem blauen Auge davongekommen, und sie haben das Kernkraftwerk Cattenom in Frankreich abgeschaltet. Heute sind wir endlich ein Europa. Es hat lange gedauert, aber sie haben es dann doch noch hinbekommen. Damals wurde alles neu aufgebaut und durchorganisiert. Siedlungen mit Schul-/ und Gesundheits-zentren hat man errichtet.

  Es war die Zeit, als Dein Vater von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Bis heute weiß ich nicht den Grund dafür. Ich konnte ihm nicht einmal mehr sagen, dass ich mit dir schwanger war, liebe Alfa. Es muss ihm etwas passiert sein. Anders kann ich mir sein Verschwinden nicht erklären. Wenn Mutti nicht gewesen wäre, hätte ich dich ganz allein aufziehen müssen. Es war nicht leicht für mich. Wir liebten uns doch so sehr. Ich habe viel geweint.  Doch unser neues System half mir und gab mir die Sicherheit, die ich brauchte.

  Seitdem verdienen wir unseren Lebensunterhalt dort, wo wir nach Prüfung unserer Begabung eingesetzt werden. Bargeld gibt es nicht mehr. Sammelfahrzeuge bringen uns zu unserer Arbeit und wieder nach Hause. Die Mahlzeiten werden für uns auf den Arbeitsstellen bzw. in den Schulen zubereitet und gereicht. Wer nicht arbeitet, überlebt nicht. So ist das in der Natur ja auch. Eine Rente braucht nicht ausgezahlt zu werden. Die Angehörigen kommen für den Unterhalt ihrer Eltern auf.

  Die Ehe wurde abgeschafft, da die Scheidungsraten zu hoch waren und es auch keinen steuerlichen Grund mehr dafür gibt. Wir zahlen keine Steuern mehr. Alles was wir brauchen wird bezahlt und bedarfsgerecht zugeteilt. Jede Frau darf maximal zwei Kinder zur Welt bringen. Dafür wird auf Antrag bis zur Schwangerschaft das Trinkwasser für Frauen nicht mit Verhütungsmitteln angereichert. Ein weiteres Kind wird nur erlaubt, wenn man sich vertraglich bereit erklärt, eine zusätzliche Person die keine Angehörigen hat, mit in den Haushalt aufzunehmen– Natürlich werden für diese Frauen die Zuteilungen entsprechend erhöht.

Es gibt auch nicht mehr diese teuren Einfamilienhäuser, von denen Dir Oma immer wieder vorschwärmt. Alle Wohneinheiten werden zentral beheizt und bis zu drei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit mit Energie für die Beleuchtung und den zentralen Internetanschluss versorgt. Auf diese Zeit ist die Nutzung des Internets und auch der Empfang des frei wählbaren Fernsehprogramms beschränkt. Alle innerhalb der Siedlung angebotenen Freizeitangebote können bis zum zur Verfügung stehenden Budget gebucht werden. Dieses wird nach Arbeitsleistung individuell festgelegt. Eine Transportmöglichkeit ist nur in Sammelfahrzeugen möglich.

  Unsere Ernährung ist gesund und ausgewogen. Sie wird nach Kalorienbedarf berechnet und zugeteilt. Sollte dennoch eine Behandlung im Gesundheitszentrum nötig sein, wird das Für und Wider je nach Alter und Kosten entschieden. Ein Antrag auf Sterbehilfe wird geprüft und kann genehmigt werden. Du siehst, liebe Alfa: Wir brauchen uns keine Sorgen mehr zu machen. Wir sind versorgt und es gibt keinen Neid mehr unter uns, da wir alle gleich behandelt werden. Niemand kann sich Vorteile verschaffen und wir haben alles, was wir zum Leben brauchen. Einbruch und Diebstahl bringen nichts mehr. So ist auch die Kriminalität zurückgegangen.

  Die Politiker wurden nach einem Wahlboykott all ihrer Ämter enthoben und durch die Politrobots ersetzt. Mit dem Erfindungsgeist von Professor Dr. Alfred Zweistein begann ein neues Zeitalter. Er hatte die Idee, Roboter mit einem Programm für das Wohlergehen der Bevölkerung auszustatten. Genial, nicht wahr?“

  Alfa betrachtet ihre Mutter und bemerkt erst jetzt, wie klein ihr Selbstbewusstsein im Laufe der Jahre geworden ist. Alleingelassen, hat sie die Vereinnahmung ihrer gesamten Persönlichkeit blauäugig, dankbar angenommen. Alfa bedauert, dass sie das nicht längst bemerkte. Sie lächelt traurig und meint: „Ach, Mutter merkst du denn nicht, wie verblendet du bist? Wer hat denn festgelegt, was für das Wohlergehen des Volkes richtig und wichtig ist? Siehst du nicht, dass dieser Zweistein inzwischen ganz Europa manipuliert? Wo lebt er überhaupt und wie? Hast du dich das noch nie gefragt? Wir sind doch willenlose Schafe und wehrlos diesem System ausgeliefert.“

  „Du bist undankbar Alfa! Uns geht es doch wunderbar. Früher nannte man so etwas das Paradies - Danach darfst du die Oma ruhig fragen.“ „Paradies, pah! So hat der große Erfinder uns das verkauft. Omi meint das auch. Sie ist zwar schon alt, aber ganz bestimmt nicht blöd.“ „Du und deine Omi, ihr müsst immer alles hinterfragen. Sei doch zufrieden und freu dich mal, dass wir uns keine Sorgen machen müssen.“

  Sag, bist Du nun fertig Mutti? Ich fass es nicht, wie naiv du in deinem Alter noch bist. Wir brauchen nicht mehr körperlich zu arbeiten. Dazu sind ja die Roboter da. Sie müssen nur aufmerksam überwacht, gewartet, gepflegt und weiterentwickelt werden. Eigentlich wäre diese Erfindung ein Segen, wenn sie nicht in den falschen Händen läge. Oma sagt, sie wird etwas dagegen tun und wenn es das letzte ist, worum sie sich kümmert. Sie kann sich gut daran erinnern, wie so etwas geht, hat sie mir gestern verraten.“

  „Waas? Ist sie jetzt total übergeschnappt? Sie macht uns noch alle unglücklich.“

  „Mutti, mit dieser straffen Organisation unseres Lebens und dem Energiesparplan ist dein Paradies doch eher die Hölle und der Teufel darin trägt den Namen Alfred Zweistein. Erkennst du das denn nicht? Bei uns geht abends drei Stunden nach Einbruch der Dämmerung das Licht aus und nicht nur unser Feierabend ist fremdbestimmt. Aber glaub mir, bald hat dieser Wahnsinn ein Ende. Oma hat nämlich jemanden kennengelernt, der ihr dabei helfen will.“

  „Um Himmels Willen Kind! Ich glaube, wir müssen sie dem Gesundheitszentrum vorstellen.“   

Das darfst du Omilein nicht antun. Ich werde es ganz bestimmt nicht zulassen, Mama. Hätte ich dir doch nur nichts erzählt. Wir müssen doch zusammenhalten. Glaub mir, das ist das Beste für uns alle.“

  „Wer ist denn dieser Mann, den Oma kennengelernt hat?

„Er heißt Emanuel Zweistein und ist der Neffe von Alfred. Er wurde von seinem Onkel entführt und sollte gezwungen werden, bei dessen Machenschaften mitzuwirken. Emanuel konnte fliehen. Er will uns einen Film vom Luxusleben seines Onkels zeigen. Wie er es auf unsere Kosten verbringt. Seine Siedlung ist vom Feinsten. Der Sonnenkönig soll ein Waisenknabe gegen ihn gewesen sein. Er feiert Partys rund um die Uhr. Einsparungen beim Energieverbrauch sind nur uns auferlegt. Junge Mädchen, die bei uns in den letzten Jahren als vermisst gemeldet wurden, müssen ihm und seinen Freunden die Langeweile vertreiben. Es ist nur gut, dass Emanuel bei den Robotern seine eigene Identität löschen konnte. So wird nicht mehr nach ihm gefahndet. Er hat nun damit begonnen, gegen seinen Onkel Schritte einzuleiten. Da die Kontrolle über alle Roboter uns obliegt, ist es eine Leichtigkeit, sie entsprechend zu manipulieren, besonders jene die in der Luxussiedlung eingesetzt sind. So wird diesem bösen Spiel jetzt ein Ende gesetzt. Die Tage des Alfred Zweistein sind gezählt.“

  „Oh Gott Kind! Emanuel Zweistein! Das ist nicht möglich! Er ist, - er ist dein Vater, Alfa!“ Vor Freude bricht Thekla in Tränen aus. Alfa nimmt die Mutter in den Arm und streicht ihr tröstend übers Haar. „Oh Mama, das ist ja fantastisch. Mein Vater lebt! Endlich lerne ich ihn kennen. Jetzt wird alles gut, du wirst sehen.

„Ja ihr habt Recht, Omi und du. Das Paradies 2050 gibt es nicht. Und egal wie alt unsere Erde wird, sie wird sich niemals wieder in ein Paradies verwandeln, solange es Menschen auf ihr gibt. Denn sie werden es leider nicht hinbekommen, sich an ihr zu erfreuen und in Frieden und Eintracht miteinander zu leben.“

 

*** Ende ***

 

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Endlich ist es geschafft! Nun wird es höchste Zeit für die Heimreise.Es dämmert schon und ich habe noch eine weite Strecke vor mir. Tante Annas Beerdigung liegt nun schon zwei Monate zurück. So eine Haushaltsauflösung macht zwar viel Arbeit, ist aber auch sehr interessant.

Man kann sich nicht vorstellen, was sich so alles in den unmöglichsten Verstecken findet.

Im Lexikon, zum Beispiel lag ein gut bestücktes Sparbuch, und im Bilderrahmen hinter dem extra hässlichen Gemälde versteckten sich hochwertige Aktien. Ich wollte das Bild schon entsorgen, doch ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass irgendetwas damit nicht stimmte. Der röhrende Hirsch, der auf diesem Gemälde verewigt war, schien mir zuzublinzeln.

Ich fühlte mich regelrecht dazu gedrängt, die Rückwand des Bildes zu entfernen.Was da zum Vorschein kam bestätigte meine Ahnung. Beinahe hätte ich das Erbe ausgeschlagen.

Das Haus war so vermüllt und schon ziemlich verfallen. Leider musste man so viele Dinge entsorgen, an denen Tantchens Herz hing. Das letzte Hemd hat halt keine Taschen. Ein blöder Spruch! Wenn es welche hätte, was sollte es nützen? Meine Schwester Karin wollte von dem ganzen Müll nichts wissen. „Du kannst alles haben, wenn Du willst. Ich werde mich aber auch an keinen Kosten beteiligen.“ sagte sie mit einem hämischen Lächeln, dem man ansah, dass sie mich wie immer für extra minderbemittelt hielt. Als sich, nachdem sie das Erbe ausgeschlagen hatte, herausstellte, dass sich ein Vermögen in diesem vermüllten Haus versteckte, lächelte ich extra freundlich zurück. Karin gab mir die Schuld an ihrem Unglück und sprach nicht mehr mit mir. Bis sie letzte Woche mal wieder mein Auto auslieh. Sie tat so freundlich, als wenn nie etwas zwischen uns gestanden hätte. So war sie immer schon. Wenn sie etwas brauchte, kam sie angekrochen. Am nächsten Tag brachte sie mir mein Fahrzeug wieder zurück, ungewaschen und mit leerem Tank, genauso wie immer. Sie hat Recht: Ich bin schon selten dämlich. Aber sie ist doch meine kleine Schwester. Vor meiner Abfahrt ins bayrische zum Haus unserer Tante, musste ich also noch meinen Tank auffüllen und eine Autowäsche war auch nötig. Karin hatte anscheinend wieder sämtliche Ackerfurchen durchfahren. Ich stellte am Abend vor meiner Reise das Reiseziel im Navi ein. Ein feines Gerät, das mich bisher immer zuverlässig an mein Ziel brachte. So auch dieses Mal. Nun war also alles geregelt. Mit dem Verkauf von Haus und Grundstück hatte ich einen Makler beauftragt. So konnte ich beruhigt die Heimfahrt antreten. Ich stellte mein Navigationsgerät auf Heimatadresse und startete Richtung Norden. In fünf Stunden werde ich zuhause sein und mich mit einem wohltuenden Bad verwöhnen. Ich freue mich schon darauf. Da ich Single bin, brauche ich mich nach niemandem zu richten. Ich stelle mein Radio lauter, denn die Musik im Sender ist ganz mein Geschmack. Sie beflügelt nicht nur meine Stimmung sondern auch meine Fahrt. Nun habe ich also noch 50 km vor mir und es ist bereits stockfinster. Das letzte Stück ist Landstraße und ziemlich einsam. Da hinter dieser Kurve ging doch diese Abkürzung durch den Feldweg. Schon oft fuhr ich da hindurch, aber heute kommt er mir so anders vor. War er nicht immer ganz asphaltiert? Jetzt mitten auf der Steigung hört der Belag plötzlich auf. Das kann doch nicht sein! Auch war da doch niemals rechts und links dieses hohe Gestrüpp. Irgendetwas stimmt da nicht. Hatte ich mich verfahren? Ich habe mich immer blind auf mein Navi verlassen können. Da ich dachte, nun die Strecke zu kennen, hatte ich es eben ausgeschaltet. Mal sehen, was es meint. Ich drücke noch einmal auf Heimatadresse. „Nach 200m links abbiegen, dann haben sie Ihr Ziel erreicht!“ höre ich die vertraute Stimme. Was soll das denn heißen? Ich befinde mich doch auf diesem federnden schmalen Waldweg. Stockfinster ist es um mich herum. Ich sehe noch nicht einmal den Mond und die Sterne durch dieses dichte Gestrüpp. Es ist unheimlich still und tiefschwarze Nacht. Meine Scheinwerfer zeigen mir ein dunkles Ziel. Da,- der Schrei eines Vogels und ein Flattern direkt neben mir. Blanke Angst greift nach mir. Ich verschließe sämtliche Türen. Der Weg wird immer enger. Die Äste schlagen gegen das Fahrzeug. Meine maximal mögliche Höchstgeschwindigkeit ist 20km/h. Hoffentlich bleibe ich nicht in diesem Schlamm stecken. Irgendwie muss ich doch hier herausfinden. Ein Weg führt doch meistens irgendwohin. Da ganz hinten, sieht es da nicht aus, als wenn da eine Straße wäre? Eine Fata Morgana im Wald? Ah, jetzt geht es nach oben.- Halt, was ist das denn? Eine Wand?! Ich finde den Rückwärtsgang nicht. Panisch reiße ich an dem Schalthebel, drehe mich um und... auch hinten eine Wand! Was ist das denn jetzt? Ich versuche auszusteigen. Oh Gott,- nein! Die Türen lassen sich nicht öffnen! Rechts und links eine Wand. Wo bin ich? Ringsum eingeschlossen! Wo ist mein Smartphone? Ich greife nach meinem Handy. Kein Empfang, auch das noch. „Hilfe, Hilfe“ rufe ich. Da startet ein Motor. Diese Kiste bewegt sich. Ich bin in einem Lkw und er fährt mit mir los. Wer ist das und was hat er vor? Ich habe Angst. Ich sitze in meinem Auto, mir ist eiskalt und trotzdem bin ich schweißgebadet. Ich muss einen klaren Gedanken fassen!

Wieso hat mich mein Navi im Stich gelassen? Ich kenne mich nicht mehr aus. Plötzlich halten wir an. Eine vermummte Person klopft an die Heckscheibe meines Fahrzeugs. Eine Waffe auf mich gerichtet schreit sie: Zündschlüssel raus werfen, Handbremse lösen und Gang raus aber dalli! Ich folge dem Befehl. Eine zweite vermummte Gestalt hilft der ersten mein Fahrzeug aus dem Lkw zu schieben. Einer öffnet die Fahrertür, zieht mich aus dem Fahrzeug und stößt mich vor sich her bis zu einem Gebäude, das wie ein Bunker aussieht.

„Bitte lasst mich doch fahren. Was wollt ihr von mir?“ sage ich mit zitternder Stimme.

„Maul halten!“ kommt es heftig von dem Grobian zurück. Er öffnet die schwere Tür und schiebt mich in den Raum. Setz dich da auf den Stuhl !"

„Was wollt ihr von mir ?  Ich möchte hier raus !"

„Du kommst hier nicht mehr raus meine Liebe. Ich werde dich nun beerben. Nach Dir bin ich die einzige Erbin, die übrig bleibt und dieses Mal werde ich die Erbschaft nicht ausschlagen." „Oh Karin du bist das! Warum vermummst du dich, wenn du dich doch zu erkennen gibst?“

„Ich habe es mir anders überlegt. Eigentlich wollte ich dich nur um Dein Vermögen bringen. Aber warum soll ich das Risiko eingehen und dich am Leben lassen?“ Du bist doch sowieso nicht meine richtige Schwester. So blöd wie du, ist niemand bei uns in der Familie.

Meine Eltern haben dich aus Mitleid adoptiert. Das war der größte Fehler, den sie machen konnten. Ich werde das nun korrigieren. Du wirst dich ordentlich verfahren. Zur Sicherheit stellen wir noch den Autopiloten ein, auf den du ja so stolz bist. Dein Navi ist schon programmiert. Mit deiner Heimatadresse hat es ja auch richtig gut geklappt. Ich wusste, dass du so dusselig bist und die Programmierung nicht überprüfst. Mein lieber Freund Jörg gibt dir nun einen kleinen Schlaftrunk, damit du dein Ziel auch nicht verfehlst. Hinter der Klippe wird ein letztes Mal die Stimme ertönen: „Sie haben ihr Ziel erreicht. “ „Guten Flug! -  Haha“

„Aber Karin, du kannst mich doch nicht umbringen ! Wir waren doch immer wie Schwestern ! Die Polizei wird es herausfinden und du wanderst mit deinem Freund ins Gefängnis. Da nützt dir auch das Erbe nichts.“ „Halt die Klappe! Und du Jörg geh doch bitte zum Auto  und richte den Schlaftrunk ! sagt Karin.

Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll und suche verzweifelt nach einer Möglichkeit, meine Schwester zu überwältigen.

„Wo bleibt er denn nur solange?“ murmelt sie gerade. Da geht die Tür auf und zwei Männer kommen herein. Die beiden tragen Schutzhelme und meinen: „Sie müssen nun hier raus. Wir haben alles abgesperrt, wegen der Sprengung heute morgen. Also los raus hier, ehe das alte Gebäude mit uns in die Luft fliegt.“ Ich atme auf: Meine Nachtfahrt hat nun doch noch ein gutes Ende gefunden. Ich spüre einen bösen Blick in meinem Rücken, und höre einen leisen Doppelklick, wie von Handschellen.

  

***